Ein kleiner Wahl-Kommentar
Es ist geschafft, endlich, die Bundestagswahl liegt hinter uns. Es war ein trauriger Wahlkampf, bestehend aus Inhaltslosigkeit, fehlendem Aufbruch und Kampagnen die unserem Land und der Demokratie unwürdig sind. Mit dem Ergebnis dürfte fast niemand zufrieden sein. Darauf deuten zumindest die Zahlen und Möglichkeiten hin. Genau das ist ein Teil des Problems, denn das Wahlergebnis zeigt sehr deutlich, dass die Gesellschaft gespaltener ist als je zu vor und das wir in den nächsten Jahren wohl ein ernstes Problem bekommen werden.
Schon in diesem Wahlkampf hatten wir einen Kanzlerkandidaten, der sich nicht zu schade war, in bester trumpscher Manier die Wahrheit flexibel auszulegen und eher mit Angst als mit Inhalten zu überzeugen. Egal was man über Herrn Laschet denkt, er hatte wohl noch genug Anstand, es nicht zu übertreiben und hat sich so vornehmlich selbst geschadet. Aber es zeigt sehr deutlich, wo die Entwicklung hingeht, wenn Inhalte und Lösungen zugunsten von Emotionen und Macht in den Hintergrund treten.
Unsere Jugend ist gespalten, sie hat gelernt, dass sie großen Teilen der übrigen Gesellschaft egal ist. Der Politik sowieso und das nicht erst seit gestern. Fehlende Perspektiven, ein desolates Bildungssystem, in dem bis zur Schmerzgrenze gespart wird, um der heiligen schwarzen Null zu huldigen. Fehlende Räume, um sich zu entwickeln, sich selbst auszuprobieren, miteinander in Kontakt zu kommen und ja, auch sich aneinander zu reiben. Es gibt wohl kaum eine Gruppe, der wir so wenig Aufmerksamkeit schenken, wie unserer Jugend.
Das hat dazu geführt, dass sie gelernt haben, dass sie sich selbst durchschlagen müssen. Daraus haben sich eigene Werte entwickelt, denen die älteren Generationen häufig nur mit erneutem Unverständnis begegnen. Diese Entwicklung hat zum einen Fridays for Future hervorgebracht und eine politisch, zumindest in Teilen, sehr aktive Jugend. Zum anderen zu einer Gruppe, in der Status, Geld und egoistische Freiheit bestimmend sind, aber nicht, weil sie alle überzeugt sind, sondern weil sie gelernt haben, dass diese Werte in unserer Gesellschaft die einzige Möglichkeit zu sein scheinen, echte Freiheit und Selbstbestimmtheit zu erleben. Wer kann ihnen ernsthaft verübeln, dass sie auch ein Stück von dem Kuchen wollen, den ältere Generationen scheinbar hatten. Wer kann ihnen verübeln, dass ihnen der Preis dafür ebenso egal ist, wie sie den älteren Generationen egal sind?
Da ist es kein Wunder, dass die Erzählungen der FDP verfangen und diese bei den Erstwählenden stärkste Kraft, noch vor den Grünen, geworden ist. Sie propagiert genau dieses Weltbild und verschiebt die Lösung der Probleme auf neue Technologien, die nur noch entwickelt werden müssten. Nicht überraschend in einer Zeit, in der es scheint, jedes Problem würde sich mit Technologie lösen lassen. Und natürlich gibt es auch jene, konservative, junge Menschen, denen die CDU zu verstaubt ist, für die Grüne und Linke aber ein schlechtes Image, zum Beispiel als Verbotsparteien, haben.
Das Ganze wird angeheizt von Werbung, Lobbyisten und Influencern, die eine scheinbare Nähe zu ihrem Publikum pflegen und dadurch oftmals ein Vertrauen genießen, das trügerisch ist.
Das alles liegt auch daran, dass wir seit vielen Jahren in der Schule nicht mehr lernen kreativ, selbstständig und kritisch zu denken, zu hinterfragen und zu diskutieren. Medienkompetenz spielt fast keine Rolle. Stattdessen lernen die meisten von uns, wie sie mit minimalem Aufwand das erreichen, was die lehrende Person hören möchte und das man mit Manipulation mehr erreicht als durch kluge Antworten.
Die alten Generationen dagegen wählen zu großen Teilen wie immer, ihnen scheint die Zukunft der jungen Generationen völlig egal zu sein. Es scheint fast, als wäre nach so vielen Wahlen das Bewegungsmuster, um wie immer zu wählen, so automatisiert, dass eine Abweichung fast unmöglich ist. Ist es der Glaube, dass es den folgenden Generationen mit der gleichen Politik auch gut geht, weil es ja für einen selbst funktioniert hat? Oder will man auf die alten Tage bloß nichts mehr verändern, auf das man sich neu einstellen müsste. Es scheint jedoch häufig auch eine gewisse Verachtung für die junge Generation zu geben, wenn man von Menschen wie Herrn Schäuble hört, dass ein bisschen Widerstand der Alten ja auch nicht schadet. Als hätten sie davon nicht bereits genug und als wäre das Verhältnis nicht eh schon wie David gegen Goliath. Es fehlt an Vertrauen, an Kommunikation und am Willen, den jungen Menschen zuzugestehen, dass sie die nächsten 80 Jahre auf diesem Planeten verbringen müssen und dann gemeinsam Lösungen zu suchen.
Wir haben Bundesländer, die fast vollständig an rechte Brandstifter und Faschisten gefallen sind. Die AfD hat dort die Wahlen haushoch und mit großem Abstand gewonnen. Selbst die junge Generation unter 18 würde diese dort wählen, wenn sie könnte. Das zeigt, dass sich Regionen bilden, in denen Menschen mit geschlossenem rechten Weltbild immer mehr unter sich sind. Eine Folge davon, es wächst eine Generation heran, die unseren demokratischen Werten negativ gegenüber steht, vielleicht sogar für diese verloren ist. Das sollte uns schockieren! Dabei scheint es Vielen so egal zu sein, wie manchen, die die AfD wählen, dass sie mit ihrem Kreuz eben jene Faschisten wählen. Die Ignoranz für das Problem ermöglicht es erst, dass die toxischen Gedankenbilder immer weiter in unsere Gesellschaft sickern.
Und auch die Linken schaffen es nicht sich zu erneuern. Trotz großem Potenzial können sie sich nicht durchringen, sich von manch alten Annahmen und Persönlichkeiten zu trennen. Sie schaffen es nicht ihren Kritikerinnen klar zu widersprechen und man glaubt manchmal, sie gefallen sich in der Rolle der Verliererin. Innere Konflikte und der ewige Kampf um die Deutungshoheit echter linker Politik sorgen für ein Ergebnis wie bei dieser Bundestagswahl, bei der sie um ein Haar an der 5% Hürde gescheitert wären.
All das führt dazu, dass die Deutschen zwar mehrheitlich einen Wandel möchten, dafür aber so viele Bedingungen stellen, dass am Ende nichts passiert.
Rückblickend könnte man meinen, Frau Merkel wäre der Inbegriff der Deutschen, ein neuer deutscher Michel, Stabilität um jeden Preis, nicht zu viel Riskieren und nur wenn es unvermeidlich ist, bewegen.
Und was machen die Reichen? Die sitzen da, lachen sich tot und machen weiter wie bisher.
Was nun?
Wir müssen uns bewegen! Wir schaffen uns aktuell einen Konflikt der nicht nur zwischen Links und Rechts, Arm und Reich, Alt und Jung aufzutrennen ist, wir schaffen uns einen Konflikt, der all diese Faktoren miteinander vermischt. Dieser Konflikt bietet einen Nährboden für eine toxische Radikalisierung in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft und wie viele Gifte wirkt diese langsam, bis es zu spät ist.
Wir alle müssen über unseren eigenen Schatten springen und mit den vermeintlich Anderen sprechen. Wir müssen uns gegenseitig aktiv zuhören und unserem Gegenüber das Gefühl geben ernst genommen zu werden und dann auch entsprechend handeln. Es geht nicht darum, sich in allem einig zu sein, aber darum, im Gespräch miteinander zu bleiben. Wir alle haben unser Problem und die sollten wir ernst nehmen. Wir brauchen eine neue Art Generationenvertrag und einen radikalen Wandel in der Politik!
Politik muss verständlicher, Entscheidungen klar vermittelt werden. Politik muss nachhaltig sein und darf keine Angst haben in die Zukunft zu investieren. Politik muss in erster Linie sozial sein und auf die diversen Bedürfnisse der Menschen eingehen. Sie muss sich aber auch klarer abgrenzen von allen, die diesen Werten im Wege stehen. Denn für faschistische und menschenfeindliche Tendenzen gilt wie immer: kein Fuß breit! ✊
Mehr zum Thema gibt es auch in meinem Artikel “Wie wir wählen”.