Leahs Gedanken

...sind hier und dort und überall...

Wie wir wählen

Alle Jahre wieder ist Wahl und ich frage mich aufs Neue: Warum wählen Menschen wie sie wählen? Konkret, wie kommt es dazu, dass Menschen so offensichtlich gegen ihre eigenen Interessen stimmen. Während der Gartenarbeit kam mir eine neue Theorie. Vermutlich ist sie nicht neu, aber da ich länger gebraucht habe um darauf zu kommen, möchte ich sie zumindest teilen.

Rational betrachtet, scheint das Wahlverhalten im ersten Moment nicht schlüssig und doch passt es perfekt in unsere Gesellschaft. Folge ich meinen Gedanken, ist es eine Mischung aus dem System in dem wir leben, beeinflusst durch unsere Gefühle und die Geschichten die wir uns erzählen.

Wir alle sehnen uns nach Freiheit, Geborgenheit und einem undefinierten guten Gefühl. Dabei ist es egal, ob es die Freiheit ist nicht selbst denken zu müssen, sich in einer Kameradschaft von allem Andersartigen zu distanzieren und die Macht zu zelebrieren, die eine Waffe bietet oder ob es darum geht so zu sein wie man eben ist, Diversität zu feiern und zu lieben wie man möchte.

Wir leben in einem System, welches uns die Geschichte erzählt, dass es uns besser geht, wenn wir uns nur lange genug anstrengen. Dass wir alles erreichen, sogar reich werden können. Die alte Leier vom Tellerwäscher der zum Millionär wurde. Es gibt nur einen Haken: So wird es nicht kommen. Du hast vermutlich weder viel geerbt, noch bist du skrupellos genug um reich zu werden, noch wirst du das „Glück“ haben.

Reich sein ist dabei allerdings nur ein plakatives Beispiel für die verschiedensten Ziele dieser Art. Viele von uns streben einem solchen Ziel entgegen, ohne zu bemerken, dass es unerreichbar ist. Dabei ist es oft völlig unerheblich in welcher politischen Richtung wir uns verorten oder für wie abgeklärt wir uns halten.

Ich weiß nicht mehr wo ich diese Metapher gelesen habe, aber ich finde sie hier sehr passend:

Wir befinden uns in einem Fluss, einem Fluss der unser Leben und die Gesellschaft darstellt. Wir können uns im Fluss bewegen, die eine oder andere Richtung einschlagen, aber doch zieht uns der Strom mit und gegen den Strom zu schwimmen wird uns als Individuum weder beliebig gelingen noch eine große Auswirkung haben. Wir können uns also hierhin und dorthin bewegen, aber die Windungen bestimmen doch nicht wir alleine.

Das mag im ersten Moment nach Schicksal und sehr pessimistisch klingen, aber so ist es nicht. Es ist nur eine von vielen möglichen Sichtweisen auf die Gesellschaft und die individuellen Möglichkeiten und Rollen darin. Du magst meinen, dass du da nicht reinfällst und dass mag sogar stimmen, aber die schiere Masse spielt gegen dich und der Kopf der meisten Menschen such schlicht nach den oben genannten Faktoren.

So frustrierend das klingt, der Witz daran ist, eine bessere Welt ist trotzdem nicht so unmöglich wie sie klingt. Sie braucht in unserer Demokratie nur eins, Mehrheiten. Leider fängt damit auch das Problem an.

Wir sehen uns so gerne als Vernunft begabt und doch sind es unsere Gefühle, um die es hier geht. Wie Eingangs erwähnt, haben wir fast alle diesen undefinierten Wunsch nach einem guten Gefühl. Schon vor vielen Jahren hat das die Werbung für sich erkannt, denn ein gutes Gefühl lässt sich einfacher verkaufen als ein gutes Produkt. Und das Beste daran; gute Gefühle lassen sich auch noch besser und teurer verkaufen und häufig billig produzieren. Kurz gesagt; es ist der Grund, warum Populismus wirkt.

Die Realität ist, es ist verdammt unangenehm sich die eigenen begrenzten Möglichkeiten einzugestehen. Wir werden nicht alle reich; nein, auch du nicht. Aber ist es nicht trotzdem eine schöne Vorstellung? Keine Sorgen, eine Jacht auf dem Mittelmeer, ein großes Haus, niemand beschwert sich mehr. Vielleicht, vielleicht klappt es doch. Also lieber nicht zu sehr einschränken. Und überhaupt, warum sollte ich mich einschränken? Ich habe mich schließlich angestrengt, also steht mir das hier auch zu.

Schupps ist da Häkchen bei der FDP gemacht.

Mögen diese Gefühle und Gedanken auch noch so viel Wunschdenken sein, sie sind nachvollziehbar. Denn es ist der Wunsch, der aus den Märchen entsteht, die wir uns von klein auf erzählen. Den Vorwurf können wir also nicht allein denen machen, die nur an sie glauben.

Das Problem ist, „unangenehm“ ist schlecht und dieses Gefühl mag unser Hirn gar nicht. Es mag es bequem, vorhersagbar, sicher. Anders ist es auch kaum zu erklären, warum wir uns immer wieder wie die Lemminge sehenden Auges in den Abgrund stürzen¹ und dabei Fakten wie den Klimawandel einfach ignorieren, bis es nicht mehr geht.

Andererseits kann die persönliche Freiheit, die wir so sehr betonen und die in ihrem Kern auch etwas Gutes ist, genau so auch Angst erzeugen. Denn sie wird nicht nur gelebt, sondern in Teilen sogar gesellschaftlich als Zeichen des Erfolgs gefordert. Wenn wir dann aber andere Menschen sehen, die ganz anders sind als wir selbst, die ganz andere Entscheidungen getroffen haben, die glücklich damit sind, dann bietet diese Freiheit auch den Raum kolossal zu scheitern. Wenn nicht für uns, dann immerhin in den Augen der Gesellschaft. Das führt unweigerlich zur Frage, ob wir uns nicht falsch im Leben entschieden haben oder es eventuell in Zukunft tun werden. Autsch, das ist keine schöne Vorstellung.

Wäre es da nicht besser, wenn wir nicht allzu viel riskieren? Nicht zu viel ändern, es ist doch gerade nicht alles schlecht, immerhin funktioniert es so. Und damit landet das Häkchen bei der CDU.

Genau dieses Phänomen beschreibt vielleicht auch, warum viele Menschen im jungen Alter so viel progressiver sind als im Alter. Veränderung gehört da zum Leben einfach noch dazu und eine Fehlentscheidung hat scheinbar noch keine so großen Auswirkungen.

Es ist ein leichtes, diesen Gedankengang zumindest für einen Teil des faschistischen Spektrums weiterzudenken. Es ist schwer entschuldbar und alle, die so wählen, wissen was sie tun und trotzdem…

Was folgt also daraus: Menschen wählen häufig nicht das, was für sie und ihre Umwelt am zielführendsten wäre, sondern das, was ihnen in einer möglichen, nicht absehbaren Zukunft von Vorteil aber mindestens nicht zum Nachteil sein könnte.

Was nun?

Die Zusammenhänge im vorangegangenen Teil sind natürlich komplexer, aber ignorieren wir das mal und nehmen an, dass das, was ich gerade geschrieben habe, schon irgendwie hinkommt. Wie Überzeugen wir Menschen dann von guten Inhalten, die möglichst vielen helfen?

Es geht um Gefühle und das bedeutet um Kommunikation. Nehmen wir also meine Theorie als Maßstab, stehen Linke und Grüne für Einschränkungen und das Hinterfragen des eigenen bisherigen Verhaltens. Das ist nicht attraktiv und dabei ist völlig egal wie sinnvoll die Vorschläge sind.

CDU, FDP und auch die Faschisten propagieren dem gegenüber eine Freiheit und sei sie noch so eingebildet. Ich muss vielleicht ein wenig machen, aber nicht so viel, dass es unangenehm wird. Ich muss mein Verhalten nicht hinterfragen und überhaupt werden mir viele Entscheidungen von der Industrie abgenommen. Sehr bequem.

Wie also erreichen wir etwas? Wir müssen anders kommunizieren. Das merken wir Linke immer wieder in unseren Debatten. Viel zu häufig geht es darum der perfekte Mensch zu sein, ohne Fehler. Macht man einen, ist man raus. Zu viel Dogma, zu wenig miteinander. Dabei sind wir genau so von unserer Gesellschaft geprägt wie alle anderen. Das heißt allerdings nicht, dass wir problematisches Verhalten tolerieren sollten, aber wir müssen mehr differenzieren und versuchen zu erklären. Genauso wie wir uns aber auch immer wieder selbst hinterfragen müssen. Ja, auch wenn das unangenehm ist ;)

Es so viel einfacher hier gemeinsame Werte und Ziele zu finden, denn auch wenn es immer wieder anders scheint, sind wir nicht so weit voneinander entfernt. Wir müssten uns nur darauf einigen, dass wir alle nicht perfekt sind und unterschiedliche Schwerpunkte haben. Das ist nicht mal ein Nachteil, sondern könnte einer der größten Vorteile sein. Wir müssten nur akzeptieren, dass man nicht zu allem eine Meinung braucht; wenn man anderen vertraut und auch ein Kompromiss einen Schritt in die richtige Richtung bedeuten kann.

Wenn wir das schaffen, schaffen wir es auch genau das nach außen zu tragen. Wir müssen Veränderung anders verpacken, sodass das Positive daran betont wird und Menschen sich sicher sein können, dass negative Auswirkungen abgefangen werden. Finanzielle Umverteilung klingt zum Beispiel gruselig, warum nennen wir es nicht einfach finanzielle Gerechtigkeit und statt die Deutsche Wohnen zu enteignen, überführen wir sie ins Gemeinwohl.

Der erste Schritt ist daher mehr Empathie und mehr positive Kommunikation. Der Zweite, der unsere Geschichten neu zu schreiben.


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¹ Lemminge stürzen sich, auch wenn man das immer wieder hört, überhaupt nicht in den Abgrund. Quelle.