Leahs Gedanken

...sind hier und dort und überall...

Zeitplanung und Heimarbeit

Ich hab einen Job, wie ihn heute noch nicht viele haben, einen von dem man meistens in Artikeln über Innovationen in der Arbeitswelt liest. Ich arbeite zu 100% von Zuhause aus und habe freie Hand über meine Arbeitszeiten (inkl. Vertrauensarbeitszeit). Genau genommen arbeite ich die meiste Zeit vom Schreibtisch in meinem Wohnzimmer aus. Völlig neu ist das Konzept, wie vieles was heute als “innovativ” verkauft wird, natürlich nicht, aber es ist in den letzten Jahrzehnten zu einer Seltenheit geworden.

Immer mehr Unternehmen scheinen zu merken, dass das Arbeiten in Heimarbeit mit mehr zeitlicher Flexibilität ein Gewinn für Ihre Mitarbeitenden ist. Das gilt aber nicht nur für diese, sondern auch für das Unternehmen selbst, denn häufig arbeiten Menschen in Heimarbeit besser. Das wird zu großen Teilen daran liegen, dass sie weniger oft gestört werden und so konzentrierter arbeiten können. Aber auch eine etwas freiere Gestaltung der Arbeitszeit selbst, die sich besser in das Leben integriert ist dafür verantwortlich. Leider versteckt sich hier auch das größte Risiko für die Mitarbeitenden, denn es kommt auch öfter dazu, dass zu viel gearbeitet wird.

Bei uns in der Firma bin ich allerdings nicht die Einzige in Heimarbeit, denn das ist bei uns eigentlich der Standard. Eigentlich, weil wir in manchen Städten, in denen wir mehr als einen Mitarbeiter haben, ein kleines Büro haben. Die Nutzung ist natürlich freiwillig, wird aber auch als Abwechslung und Trennung zwischen Arbeit und Privatleben gerne mal von den Kollegen genutzt. Grundsätzlich könnte ich auch von einer Hütte in den Bergen oder einer einsamen Insel aus arbeiten, solange ich dort ausreichend Internet habe. Ich hab für mich aber festgestellt, dass zumindest ich doch meist von zuhause aus arbeite, daher auch die vielleicht etwas ungewohnte deutsche Formulierung Heimarbeit statt “Remote-Arbeit”.

Genau dieser Aspekt ist es aber auch, der dafür sorgt, dass diese Arbeitsform nicht für alle etwas ist. Ich verbringe ziemlich viel Zeit mit mir alleine und damit auch mit guten wie mit schlechten Stimmungen, ich sehe immer zu das gleiche Zimmer und hab so über meine Arbeitszeit relativ wenig direkten und persönlichen sozialen Kontakt. Das muss man ab können und auch mir geht es an manchen Tagen ziemlich auf die Nerven. Dann denke ich mir: Zwei Tage im Büro und drei in Heimarbeit, das wäre vermutlich Ideal. Ich hab es selbst mangels Möglichkeit noch nicht probiert, bin mir mit den meisten Menschen die ich kenne, die zumindest ab und zu von Zuhause arbeiten, in dieser Einteilung aber einig.

Aber fangen wir mal an zu arbeiten :) Wenn du in einem solchen Job anfängst, merkst du häufig relativ schnell, dass du in vielem Umdenken musst. Traditionelle Annahmen funktionieren nicht mehr. Dazu gehört auch die Arbeitszeit selbst. Denn: Niemand kann sich 8 Stunden am Tag und das auch noch fast am Stück konzentrieren. Du verspürst jetzt vielleicht den Impuls mir erstmal zu widersprechen, aber denk kurz drüber nach und lies diesen Absatz zu Ende. Wie oft stören dich Kollegen die “nur mal kurz” im Büro vorbei schauen, wie oft ist es im Großraumbüro einfach zu laut, wie oft langweilst du dich in unnötigen Meetings, wie oft trifft man sich dann doch auf einen Kaffee in der Teeküche oder geht in eine Raucherpause¹. Oder, und das dürfte einen großen Teil ausmachen, wie oft sitzt du nur noch deine Zeit ab und machst eigentlich was anderes. Ich hoffe es ist klar geworden, was ich sagen möchte.

Die Zeit die wir uns pro Tag aktiv, das heißt bei gleichbleibender Qualität, konzentrieren können liegt nach meiner Erfahrung im Mittel bei etwa 3 bis maximal 5 Stunden. Auch verschiedene Studien sprechen für einen ähnlichen Zeitrahmen. Alles was darüber hinaus geht, ist weder gesund noch für die Qualität des Ergebnisses zuträglich. Es mag auch hier Ausnahmen geben, aber die Regel sieht anders aus. Besonders gilt das wenn wir, wie in meinem Fall, über Kopfarbeit sprechen, bei dem es um komplexe Probleme geht.

Nehmen wir jetzt einmal diese 3 bis 5 Stunden pro Tag als gegeben an. Fügen wir noch eine Mittagspause und ein bisschen stupide Arbeit hinzu landen wir bei etwa 5-7h Arbeit pro Tag, die wir mehr oder weniger sinnvoll erledigt bekommen. Eine verpflichtende 40 Stunden Woche in Heimarbeit funktioniert also nicht, zumindest nicht mit produktiver Arbeit. Eine 35 Stunden Woche ist da schon realistischer. Aber eigentlich funktioniert es so auch nicht, zumindest wenn wir uns nicht überarbeiten wollen. Denn irgendwann kommen wir vermutlich an den Punkt, an dem sich unsere Arbeit unproduktiv anfühlt und dann arbeiten wir regelmäßig mehr um dieses Gefühl von “Ich mach doch zu wenig!” auszugleichen.

Genau aus diesem Grund ist es wichtig ein vernünftiges Maß für die Arbeit zu finden. Das kostet potenziell Zeit in der ihr euch überansprucht und das sollten wir ja vermeiden. Daher möchte ich, als möglich Abkürzung, meine Erfahrungen aus den letzten drei Jahren mit euch teilen. Die haben inzwischen auch schon von einigen Freunden und Bekannten ihre Bestätigung erhalten.

Als erstes solltest du dir deine Arbeitszeit festlegen, und zwar nicht als Arbeitszeit, sondern als maximale Arbeitszeit. Genau, kürzer geht immer, mehr ist aber verboten². Bei mir sind das etwa 35 Stunden pro Woche, das wären 7 Stunden Arbeit pro Tag. Der nächste Schritt ist zu lernen dich und deine Arbeit besser einzuschätzen. Du musst herausfinden was du, ohne Stress, in einer durchschnittlich guten Woche schaffen kannst und gleichzeitig, was auch vernüftig ist. Sich nichts vornehmen zählt nicht. Das ist zusammen dann dein persönliches Maß und damit arbeiten wir jetzt. Das Maß kann übrigens für jeden Menschen ein bisschen unterschiedlich sein, also vergleiche dich nicht zu viel.

Montags früh nehme ich mir dazu eine Stunde Zeit und plane, was ich in dieser Woche machen möchte beziehungsweise was erledigt werden sollte. Wichtig ist auch ein bisschen Puffer für die kleinen nervigen, aber auch dringenden Aufgaben zu haben die unerwartet auf mich zukommen. Sollte doch einmal eine große und dringende Aufgabe auftauchen, fliegt eben etwas anderes aus dem Plan raus. Mehr Arbeit gibt es nicht! An diesem Ziel für die Woche arbeite ich dann, aber maximal meine 7 Stunden pro Tag. Wenn ich schneller fertig bin und keine Aufgabe mehr habe, die am heutigen Tag in mein Zeitpensum passt oder die Konzentration nachgelassen hat, höre ich auf. Ja, auch wenn ich meine 7 Stunden noch nicht voll habe. Das ist okay. Ich nutze die Zeit für Sport, einen Spaziergang oder irgendwas was mir gut tut und mich entpannt. Häufig fallen mir da schöne Lösungen oder neue Ideen ein, wenn ich gar nicht danach suche.

Wenn ich am Donnerstag dann keine Arbeit für Freitag mehr habe, passe ich meine Liste an und füge noch etwas hinzu. Wenn ich Freitag noch etwas übrig habe, das passiert, ist das auch okay. Dann übertrage ich es in die nächste Woche und hebe es mir dort für die Planung auf. Bei Bedarf passe ich am nächsten Montag meine Einschätzung was in einer Woche geht an.

Das funktioniert alles gut, solange wir gute Tage haben und uns nichts in den Weg kommt. Das ist, wenn wir ehrlich sind, allerdings selten. Mal mag der Kopf einfach nicht oder ist mit etwas anderem beschäftigt, mal gibt es wichtige Termine, soziale Probleme, Krankheit oder oder oder. Dann gilt: Schlechte Tage sind schlechte Tage, das passiert und darf vorkommen. Schau eine begrenzte Zeit, das heißt, weniger als anderthalb Stunden, ob es vielleicht doch geht, wenn nicht, mach etwas das dich entspannt und dir guttut. Wenn du möchtest, kannst du es später noch mal versuchen. Wenn du allerdings krank bist, bist du krank, das gilt auch zuhause. Da wird nicht gearbeitet.

Das Spannende ist, wenn man sich darauf mal einlässt, kann man relativ schnell merken, dass man nicht weniger, sondern mehr schafft und das trotz schlechten Tagen. Denn wenn wir uns weniger Stress machen und uns selbst und wie wir arbeiten können akzeptieren, haben wir an den guten Tagen die Power viel schneller und viel mehr zu schaffen, als wenn wir uns unter allen Widrigkeiten quälen³.


¹ Hört damit bitte auf, ihr schadet auch den Menschen in eurem Büro, und zwar mehr als ihr denkt. Bericht und Link zur Studie.

² Es gibt natürlich Jobs die einen Notdienst oder Ähnliches mit sich bringen, die hier eine Ausnahme bilden. Grundsätzlich sollte es aber dafür dann einen möglichst baldigen Ausgleich geben.

³ Das mag leider nicht für alle zutreffen. Depressionen zum Beispiel können einem da lange Zeit einen Strich durch die Rechnung machen, allerdings bin ich überzeugt, dass auch da eine Grundeinstellung hilft, die gute und schlechte Tage akzeptiert.