Leahs Gedanken

...sind hier und dort und überall...

Technologie und Wissen schaffen Verantwortung

Die Chaos- und Hackerinnen-Community hat mit der Hackerinnenethik und ihren bisherigen Ergänzungen über viele Jahrzehnte einen guten und wichtigen Schritt für mehr Bewusstsein im Umgang mit Technologie geleistet. Seit den 1980er Jahren, in denen die letzten zwei Grundsätze ergänzt wurden, hat sich jedoch viel getan und unser Leben wird heute viel mehr durch Technologie beeinflusst als noch vor fast 40 Jahren. Zeit für ein Update.

Vor zwei Wochen war ich Mentorin bei Jugend Hackt Heidelberg. Ein tolles Veranstaltungsformat, das zum Lernen, Diskutieren und Nachdenken einlädt. So kam es, dass ich spontan den obligatorischen Vortrag über die Hackerinnenethik halten durfte. Wer sie noch nicht kennt und mehr dazu wissen möchte, auf dem YouTube-Kanal von Jugend Hackt gibt es einen sehr schönen, kurzen Vortrag dazu.

Während der Vorbereitungen für die Präsentation habe ich mir vor allem darüber Gedanken gemacht, was ich den Jugendlichen mitgeben und wie ich die einzelnen Aspekte erklären möchte. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich unter den existierenden 8 Grundsätzen einen sehr wichtigen Punkt vermisse: Verantwortung.

Die ist in einigen der Punkte zwar zu erkennen, ist in meinen Augen aber zu bedeutend, um einfach nur mitgemeint zu sein. Daher möchte ich mit diesem Artikel einen neunten Punkt vorschlagen.

Technologie und Wissen schaffen Verantwortung.

Mit unserem Wissen über Technologie und deren Zusammenhänge sind wir in der Lage, die Gesellschaft als solche voranzubringen, zu unterstützen, aber auch vollkommen zu verändern. Gleichzeitig sind wir häufig in gewisser Weise unsichtbar. Doch das entbindet uns nicht von der Verantwortung für unser Handeln.

Noch immer ist die Beschäftigung mit dem Thema in der technischen Community selten. So findet die Ethik unseres Handelns als Thema in Studiengängen, Ausbildung, Schule, aber auch auf unseren eigenen Veranstaltungen noch immer zu wenig Beachtung.

Ohne, dass es bisher expliziter Teil der Hackerinnenethik ist, sind wir als Chaos allerdings schon heute sehr aktiv darin, unser Wissen verantwortungsvoll einzusetzen. Der CCC ist regelmäßig beratend in den verschiedensten, wichtigen Institutionen vertreten, ob als Gutachterin vor Gericht in Karlsruhe oder in der Politik. Aber auch die vielen kleinen und großen Projekte, wie Chaos macht Schule, leisten einen wichtigen Beitrag. Das Vertrauen, das wir so über die Jahre geschaffen haben, schafft und ist zugleich Verantwortung.

Das zeigt sich auch, wenn wir uns immer wieder in aktuelle gesellschaftliche Debatten einmischen. Zum Beispiel die Debatte darüber, wie eine verantwortungsvolle Technologie zur Nachverfolgung von Coronainfektionen aussehen kann.

Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen.

Die bisherigen Grundsätze bieten viel Spielraum, finden ihre Anwendung allerdings trotzdem besonders im klassischen Kontext der IT-Sicherheit.

Denn wir müssen unsere Verantwortung kennen, wenn wir schlecht gesicherte Daten und Sicherheitslücken finden. Dabei geht es nicht nur um die Verfehlungen Anderer, sondern auch darum, die dabei angefallenen Daten bei uns selbst zu schützen und uns über die Folgen im Klaren zu sein, die eine Veröffentlichung für die Betroffenen haben könnte.

So kann eine gut gemeinte Weitergabe von Daten - zum Beispiel an die Presse - dramatische Folgen haben. Zwei Beispiele sind die Veröffentlichungen von Wikileaks, sowie die von Snowden. Mir geht es dabei nicht darum, diese hier zu bewerten, es sind jedoch zwei Fälle, die ähnlich sind und doch unterschiedlicher kaum sein könnten.

Genau wie die Technologie hat sich aber auch das Hacking weiterentwickelt. Wir hacken heute nicht nur neue Technologien, sondern gehen zum Beispiel mit Bio Hacking ganz neue Wege. Dabei haben das Hacking und unsere Werte mit uns einen Weg in die verschiedensten Unternehmen gefunden.

Das macht die Beschäftigung mit dem eigenen ethischen Handeln besonders wichtig. Denn auch wenn wir uns entsprechende Fragen selbst stellen, gibt es immer Fälle, in denen Gut oder Böse doch nicht so einfach zu trennen sind oder es gibt Menschen, die einen anderen moralischen Kompass besitzen. Eins ist allerdings klar: jede Technologie hat das Potenzial, von Menschen missbraucht zu werden.

Der technologische Fortschritt und was wir schaffen hat aber auch viel konkretere Auswirkungen. So steht uns ein umfangreicher Jobverlust durch Automatisierung in vielen Branchen bevor. Die betroffenen Berufe haben dabei vielleicht ausgedient, die Menschen, die diese heute ausführen, aber auf keinen Fall. Wir müssen Lösungen finden, diese Menschen mitzunehmen und ihnen eine gute Perspektive zu geben. Das ist keine Aufgabe, die wir allein lösen können. Aber es ist unsere Verantwortung, als Verursacherinnen dieser Technologie, auf eine für alle gute Lösung zu drängen und diese an der Seite der Betroffenen einzufordern.

Wir schaffen in den großen und kleinen Hightechunternehmen Algorithmen, deren Funktionsweise wir nicht mehr verstehen, die gleichzeitig aber unsere tiefsten gesellschaftlichen Abgründe reproduzieren und manifestieren. So schaffen wir Algorithmen, die Menschen bewerten und benachteiligen. Dabei sollten wir nie vergessen, dass hinter diesen Datenpunkten Menschen mit den verschiedensten Leben und Bedürfnissen stehen.

Technologie kann aber auch zum Problem werden, wenn sie nicht für alle gleichermaßen zugänglich ist. Ein Beispiel, das ich nicht müde werde zu wiederholen, sind die Kühlschränke im Supermarkt um die Ecke. Die Türen lassen sich per Lichtschranke berührungslos öffnen, großartig gerade in der aktuellen Zeit. Allerdings funktioniert das nur, wenn man helle Haut hat. Ist die Haut zu dunkel, bleiben die Türen zu. Es ist unsere Verantwortung, solche Probleme zu erkennen und für deren Beseitigung zu kämpfen. Und noch wichtiger, es ist unsere Pflicht, solche Problem in unseren Entwicklungen mitzudenken und zu verhindern, noch bevor sie auftreten.

Besonders wichtig wird Verantwortung aber auch dann, wenn es um die Zukunft geht. Das zeigen nicht zuletzt die Proteste der verschiedenen for Future Bewegungen, die uns nachdrücklich darauf hinweisen, dass uns künftige Generationen nicht egal sein sollten.

Unsere Verantwortung liegt im nachhaltigen Umgang mit Technologie, Ressourcen und der Abschätzung entsprechender Folgen auf unsere Umwelt. Ein negatives Beispiel sind für mich Bitcoin oder andere Proof-of Work-Cryptowährungen, da sie aktuell vollkommen unnötig gigantische Mengen Strom verbrauchen und das nur für den Profit Weniger. Aber auch unser Wunsch nach immer neuem Spielzeug, der immer neusten Technologie, stellt die Frage in den Raum, wie verantwortungsvoll er ist. Denn eins ist er sicherlich nicht, nachhaltig.

Wir schreiben uns auf die Fahne kreativ mit Technologie umzugehen, warum diese Kreativität hier nicht nutzen?

Der Zugang zu Computern und allem, was einem zeigen kann, wie diese Welt funktioniert, sollte unbegrenzt und vollständig sein.

Bei aller Begeisterung und allen Verbesserungen, die Technologie uns bietet, ist es am Ende aber ebenso wichtig, Technologie verständlich zu machen, zu erklären, damit sie nicht wie Magie wirkt, Ängste auslöst oder neue Probleme schafft. Dabei dürfen wir uns nicht über die Menschen stellen, die diese Technologie (noch) nicht verstehen.

Einiges von dem, was ich weiter oben aufgezählt habe, mag Hacking und damit euch in euren Augen vielleicht nicht direkt betreffen. Unser Handeln ist jedoch nicht losgelöst von unserem Umfeld, unser Tun ist es nicht und auch nicht unser Alltag. Ich sehe die Bezeichnung Hackerin daher nicht als Begriff, der nur die Tätigkeit einer Person beschreibt. Vielmehr ist es die Einstellung, das eigene Umfeld zu hinterfragen, Missstände aufzudecken, der Drang verstehen und verbessern zu wollen, kreative neue Wege zu finden oder auch Kunst und Schönheit zu schaffen. All das, was sich noch hinter dem wundervollen Begriff ‘Zerforschen’ verbirgt.

Wir müssen aber auch einsehen, dass unser Wissen begrenzt ist und wir die Folgen dessen, was wir schaffen, nicht immer vorhersehen können. Daher sollten wir auch uns, wie auch schon die Autoritäten, hinterfragen, aber immer mit Respekt und Rücksicht aufeinander.

Wir dürfen uns nicht aus der Gesellschaft zurückziehen, sondern müssen aktiv werden. Müssen die entscheidenden Probleme wie die Pandemie, Klimawandel, Umweltverschmutzung, Diskriminierung, die vielfältige Spaltung der Gesellschaft gemeinsam und vielleicht auch auf unsere kreative Art und Weise angehen.

Wir müssen Verantwortung übernehmen.

(Überarbeitet am 23.12.2020)