Leahs Gedanken

...sind hier und dort und überall...

Monotonie

Monotonie - Das ist der Begriff, der mir neulich am klarsten in den Sinn kam, als ich über die aktuelle Situation nachgedacht habe. Die Menschen in den Podcasts die ich höre berichten über dieses Gefühl, die Kollegen, Bekannte, Freunde und Familie und auch mir geht es so. Fast alle in meinem Umfeld scheinen von diesem Gefühl betroffen zu sein, auch wenn sie es häufig mit ihren eigenen, abweichenden Worten beschreiben.

Seit etwas mehr als 9 Wochen befinden wir uns in einer Ausnahmesituation, in einer Pandemie. Vieles hat sich verändert, auch wenn es, wie in meinem Fall, augenscheinlich erst mal nicht so viel ist. Das ist eine privilegierte Postion, aber die folgenden Gedanken gelten nicht nur für mich, sondern auch für viele andere Menschen. Dabei ist es egal, ob diese im Home-Office sitzen, sich in Kurzarbeit befinden oder sogar ihren Job verloren haben. Es betrifft auch die, die gerade mit ihren Kindern zu Hause sitzen, Geflüchtete in den Unterkünften, sogar die Menschen im Gesundheitssektor die gerade besonders viel zu tun haben. Uns alle betrifft es, nur eben unterschiedlich stark und in einer ganz individuellen Ausprägung.

Monotonie ist das Fehlen von Veränderung, Eintönigkeit, das Wiederholen immer gleicher Abfolgen ohne ausreichende Abwechslung. Es ist ein Zustand von Reizarmut, der in unserem Gehirn zu einer Herabsetzung der psychischen Aktivierung führt. Kurz um, unser Kopf fängt an sich zu langweilen, unsere Nerven werden nicht mehr ausreichend stimuliert. Das mag erst mal nicht weiter schlimm klingen, lange Weile kennen schließlich fast alle von uns. Aber diese Situationen zu vergleichen führt nur zu einem Trugschluss.

Die Monotonie ist keine klassische Langweile, auch wenn sie dieser sehr ähnlich zu sein scheint. Der Extremfall der Monotonie, eine völlige Isolation von externen Reizen, führt binnen Stunden bei den meisten Menschen zu einem enormen Unwohlsein bis hin zu Halluzinationen. Langfristig sind die Folgen noch viel dramatischer. Natürlich ist die aktuelle Situation damit nicht zu vergleichen und doch hilft es sich bewusst zu machen, dass wir für eine Situation wie diese nicht geschaffen sind.

Das gilt nicht nur für das Fehlen sensorischer Stimulation, sondern in besonderem Maße auch für soziale Interaktion. Seit Wochen halten wir Abstand, je nach Lebenssituation von Partnern, Familie, Freunden, allen anderen Menschen eben. Das ist eine wahre Herausforderung. Wer Glück hat, ist gerade nicht allein, aber selbst das birgt ungeahnte Herausforderungen. Der Mensch ist letztlich ein Rudeltier und auf die Gemeinschaft angewiesen.

In dieser Gemeinschaft liegen viele Aspekte, die unseren Stress reduzieren, die sich aber nicht durch Videokonferenzen, Telefonate, das gemeinsame Spazieren oder Treffen mit Abstand ausgleichen lassen. Es mag für jeden individuell sein, aber uns fehlen Berührung, zwischenmenschliche Nähe, eine Umarmung hier ein beruhigendes Streicheln da. Berührungen sind für uns ein entscheidendes Element der Stressreduktion. Ein Blitzableiter sozusagen, der uns zeigt, dass wir nicht allein sind, der Zusammengehörigkeit stärkt und damit heilsam wirkt. Ich bin fest überzeugt, dass dieser Teil elementar für den unterbewusst schwelenden Stress ist, den viele von uns aktuell beschreiben. Das beste Beispiel dafür ist, wie schwer es uns fällt uns selbst nicht ins Gesicht zu fassen, denn auch das ist eine klassische Reaktion um Stress abzubauen.

Unser Alltag hat sich in den letzten Wochen sehr dramatisch verändert und ist deutlich über ein normales Maß reduziert worden. Ein Beispiel: Der Wechsel vom Büro in das Home-Office. Während wir in unserem gewöhnlichen Alltag den Wechsel zwischen diesen beiden und noch vielen weiteren Orten haben, fällt dieser nun weg, wir sehen fast nur noch die eigenen vier Wände. Ein weiteres Beispiel aus meiner eigenen Beobachtung: Nach den ersten 6 Wochen habe ich festgestellt, dass ich mich kaum aus meinem Stadtteil bewegt habe, obwohl ich viel häufiger draußen war als sonst. Orte nur wenige hundert Meter entfernt, die ich sonst regelmäßig Besuche, habe ich seit Wochen nicht mehr gesehen. Diese Beobachtung lässt sich, wenn man sie zulässt, auf sehr vieles Ausdehnen. Monotonie ist schleichend und wir bemerken sie nicht, weil unser Gehirn sie relativ einfach ausblenden kann.

Das Trügerische ist, selbst wenn wir Taktiken entwickelt haben, um mit der aktuellen Situation umzugehen, passiert es nur zu leicht, dass wir entweder jede Struktur verlieren oder uns zu sehr daran klammern. Beides hat in etwa die gleichen negativen Folgen, unser Alltag wird monotoner ohne das wir es bemerken. Fanden wir die Veränderungen am Anfang der letzten 9 Wochen vielleicht noch erfrischend und entschleunigend, so ging es auch mir, hat sich das mit der Zwischenzeit geändert und es wurde zur Belastung. Eine weitere Quelle für schwelenden Stress. Das lässt sich einfach erklären, am Anfang stand die Veränderung, ein starker Reiz. Es gab vieles Neues zu entdecken, zu tun und zu planen. Plötzlich stand uns gefühlt mehr Zeit zur Verfügung.

Aber über die Wochen hat sich die Situation gewandelt, denn die neue Umgebung, in der wir uns nun befanden, bot deutlich weniger Reize. Ein besonderes Problem, da wir uns durch die immer größer werdende Informationsflut quasi selbst konditioniert haben unserem Kopf immer und zu jeder Zeit Reize zu bieten. Reize bedeuten aber nicht nur eine Aktivierung des Gehirns, sondern häufig auch Dopamin. So funktioniert schließlich auch Social Media, Werbung, Sport…das Prinzip wird klar.

Wir versuchen also diese nun fehlende Aktivierung irgendwie auszugleichen, um negative Effekte für die Stimmung zu reduzieren. Wir machen mehr Sport, gehen häufig Spazieren und unsere technischen Begleiter unterstützen uns auch noch dabei. Seit 6 Wochen jeden zweiten Tag laufen und jeden Tag eine Stunde spazieren. Ihr ahnt es, auch hier schlägt die Monotonie zu. Bedenklicher wird die Situation noch durch die technischen Begleiter, die uns eigentlich unterstützen sollten, denn nun setzt das schlechte Gewissen ein, wenn wir unseren 47 Tage Strike brechen oder den siebten Tag in Folge einfach nichts machen. Wir können also fast nur verlieren.

Genau dieser Effekt ist es auch, der uns unvorsichtig werden lässt und besonders junge Menschen zu „unvernünftigem“ Verhalten verleitet. Denn plötzlich sind da diese Reize, soziale Interaktionen, alles was in uns ein gutes Gefühl auslöst. Letztlich sind wir eben nicht 100 % vernunftgesteuerte Wesen, von denen wir gerne behaupten, dass wir sie sind.

Wenn wir nun unsere Bedürfnisse nicht erkennen, wir nicht sehen das wir, egal wie die Situation gerade ist, einer unterbewusst sehr stressigen Situation ausgesetzt sind, wird es kritisch. Wir vergessen das wir sozusagen nur auf 30, 40, 50 Prozent laufen, weil der Rest unserer mentalen Kapazität damit beschäftigt ist, mit der Situation umzugehen. All das führt zu weniger Konzentration, weniger Leistung, weniger Kreativität. Aber und das ist besonders für die wichtig die noch in die Schule müssen oder jetzt gehen sollen, wir können auch kaum lernen. Wenn wir all das nicht erkennen, fällt es uns schwer passende Lösungen zu finden. Die häufig zitierte Aussage „Wer jetzt nichts neues Lernt macht etwas falsch!“ ist völliger Humbug.

Um jetzt nicht an dieser Stelle einfach so zu schließen, möchte ich noch ein paar Vorschläge machen, um vielleicht ein paar Dinge zu verbessern. Der wichtigste Punk ist, all das zu akzeptieren. Zu akzeptieren, dass wir uns gerade in einer Ausnahmesituation befinden und ich nicht mit 100 % Leistung weiter machen kann. Denn diese 100 Prozent wären am Ende weit jenseits der 120 Prozent. Wenn du in der Gamification festhänge, mach es dir zum Ziel diese zu brechen, aktiv und bewusst. Gehe nicht spazieren, um ein Ziel zu erreichen, sondern um die Gedanken schweifen zu lassen, ohne Ablenkungen wie Smartphone oder Ähnliches. Verdonner dich ein oder zwei Tage zu aktivem nichts tun, also keine „Häkchen Aufgaben“ mehr. Das bedeutet aber natürlich nicht, dass du nichts machen darfst, nur nichts was eine Aufgabe darstellt und du somit machen „musst“. Wenn du es kannst, nimm ein paar Tage Urlaub. Externalisiere deine Gedanken, Aufgaben, Erlebnisse auf einem Stück Papier, ja ganz analog. Auch das schafft Raum für Abwechslung und neue Gedanken. Es hilft letztlich alles was unseren Alltag in kleiner aber bestimmter Regelmäßigkeit dynamisch und wechselhaft macht.