Leahs Gedanken

...sind hier und dort und überall...

Meinungen und Medien: Eine kleine Medienkritik

Meinungen sind der große Streitpunkt in der aktuellen Zeit. Was darf gesagt werden, wem biete ich eine Bühne, wer wird gehört, wer nicht? Es sind Fragen die einfach wirken und doch ganze Bevölkerungsgruppen entzweien.

Der Konflikt spitzt sich zu, wenn es um Meinungen in Medien, insbesondere im Journalismus, geht. Schnell steht der unangenehme Vorwurf im Raum, dass ein Beitrag nicht neutral gewesen wäre oder bestimmte Interessen verfolgt.

Meist kommt dieser Vorwurf von Rechts, von Verschwörungsgläubigen, “Besorgten” oder “Skeptikern”. Die einfachste Lösung scheint zu sein, alle Seiten eines Diskurses zu Wort kommen zu lassen. Aber ist das wirklich die Lösung?

Dem möchte ich vehement widersprechen. Für einen einfachen, nicht öffentlichen Diskurs mit ein paar Menschen könnte das, je nach Umständen, vielleicht funktionieren. Aber hier geht es eben nicht um eine kleine Gruppe, sondern um öffentliche Medien die viele Menschen erreichen.

In unserer Gesellschaft haben Medien eine außergewöhnliche Rolle, denn den Menschen, die dort sprechen, geben wir einen Vertrauensvorschuss. Dieser Vertrauensvorschuss erstreckt sich dabei meistens auf das ganze Format und nicht auf Aussagen einer bestimmten Person. Wir vertrauen, dass die Personen die zum Beispiel in einem Interview oder in einer Talk-Show zu Wort kommen eine Meinung vertreten, die für den Diskurs wertvoll ist. Eine Meinung die zum Beispiel hilft einen Konflikt zu lösen, ein Thema zu verstehen oder auch Sorgen zum Ausdruck zu bringen. Es gibt viele kontroverse Themen bei denen das weitestgehend gut funktioniert. Ich würde diesen Text allerdings nicht schreiben, wenn es nicht ein großes “aber” gäbe.

Aber, wie zum Beispiel in “Aber das wird man wohl noch sagen dürfen!”. Diese Aussage bringt Medienschaffende vermutlich regelmäßig ins Schwitzen und führt allzu häufig zu dem, was ich als “Neutralitätsfalle” bezeichnen würde. Dieses Problem wird noch verstärkt durch zu wenig Zeit für Recherchen und den Druck, das eine Story möglichst viele Zuschauer oder Klicks und damit Geld bringen soll. Ein schwieriges Umfeld für Fakten. Denn nichts schafft so viel Aufmerksamkeit wie Kontroverse. Warum also nicht eine solche Stimme einladen und zu Wort kommen lassen.

Die Kombination führt häufig dazu, dass Menschen in solchen Formaten zu Wort kommen, die unhaltbare Thesen aufstellen oder Meinungen vertreten die schlicht den Diskurs nicht weiter bringen und ihm viel mehr sogar schaden. Dabei ist es egal, ob es um die AFD, Klimawandelleugner, neurechte Verschwörungstheoretiker oder “Querdenker” geht.

Aber wie soll entschieden werden, was akzeptabel ist oder nicht. Um das beantworten zu können, müssen wir erst mal einen Schritt zurückgehen und den Vorwurf besprechen, der hier sofort im Raum stehen würde: Zensur, genauer gesagt das Einschränken der Meinungsfreiheit.

Zensur beschreibt in der Regel das Überprüfen und Kontrollieren von Meinungsäußerungen verschiedener Formate hin auf eine gewisse Konformität und das darauffolgende Unterdrücken bzw. Verbieten dieser Inhalte durch eine meist staatliche Stelle. Der Grund warum sich Zensur insbesondere auf staatliche Akteure bezieht ist, da meist nur diese über die Macht verfügen, eine Meinung tatsächlich zu unterdrücken. Es bedeutet aber auch, dass Firmen, Medien oder einzelne Personen dazu nicht in der Lage sind. Das liegt darin begründet, dass eine Äußerung die z.B. eine Firma oder ein Medium auf ihrer Plattform nicht duldet, trotzdem ohne Folgen zum Beispiel bei einem anderen Anbieter oder Medium getätigt werden kann. Zugespitzt: Solange ich mich auf den Marktplatz stellen und meine Meinung kundtun kann, ist Artikel 5 Abs. 1 GG Genüge getan. Wovor mich dieser Artikel jedoch nicht schützt sind die Folgen, wenn meine Äußerungen ein anderes Rechtsgut verletzten. Also zum Beispiel, wenn ich mich klar Volksverhetzend äußere. Das klärt dann aber in der Regel ein Gericht.

Was Meinungsfreiheit oder Zensur also nicht bedeutet ist, dass mir irgendjemand eine Bühne bieten muss oder meine Äußerungen keine Folgen haben dürfen. An dieser Stelle wird in letzter Zeit häufig der Begriff Cancel Culture ausgepackt. Den es sind plötzlich die gegensätzlichen Meinungsäußerungen, der z.B. angegriffenen Minderheit, die man nicht hören oder akzeptieren möchte oder die Entscheidungen bestimmter Entitäten, dass man wegen einer Äußerung eine bestimmte Reaktion zeigt. Ironischerweise ist dieser Begriff meistens mit dem Vorwurf kombiniert, dass man ja nichts mehr sagen dürfe. Dabei ging genau diese Meinungsäußerung ja den Folgen voraus. Der folgende XKCD Comic fasst das Thema auch noch mal sehr gut auf Englisch zusammen.

Wir wissen jetzt, dass Meinungsfreiheit oder Zensur nicht so einfach sind, wie manche Protagonisten uns das glauben lassen wollen. Der Bezug auf die angeblich eingeschränkte Meinungsfreiheit ist dabei weitaus seltener ein reelles Problem mit dieser, als das Gefühl das aus der Reaktion anderer kombiniert mit dem empfundenen Angriff auf das eigene, für sich selbst schlüssige, Weltbild entsteht.

Das gilt jedoch nicht für die Medienprofis, die meist in diesen zu Wort kommen. Hier ist es eine effektiv eingesetzte Taktik des Derailings, also das bewusste entgleiten lassen einer Diskussion weg vom eigentlichen Thema. Denn häufig geht es diesen Teilnehmern nicht um eine konstruktive Teilnahme, sondern um eine konsequente Behinderung der Diskussion. Viel mehr geht es darum sich in einer bestimmten Rolle zu positionieren und dazwischen gezielte Statements zu platzieren, die dann durch die anderen seriösen Teilnehmenden als gleichwertig empfunden werden. Auch Trump wendet diese Taktik immer wieder sehr effizient an. Es geht nicht darum ein Thema weiterzubringen, sondern um eine Meinung durch Wiederholung geschickt zu platzieren.

Genau dieses Verhalten schadet unserer Gesellschaft und unserem gesellschaftlichen Diskurs. Denn es führt uns bewusst weg von konstruktiver Kritik und einer Arbeit an tatsächlichen Lösungen hin zu Konflikten, die uns nicht weiter bringen und nur polarisieren. Diesem Problem müssen sich die Medien bewusster werden und aktiv dagegen arbeiten. Das geht, indem man entsprechenden Akteuren keine Plattform bietet und Entscheidungen transparent und vor allem konsequent triff. Dabei helfen klare Leitlinien wie sie zum Beispiel durch eine Hausordnung, einen Code of Conducts und andere Regelungen umgesetzt werden können, ergänzt durch ein möglichst divers aufgestelltes Entscheidungsgremium für schwierige Fälle.

Der Text könnte hier zu Ende sein, aber die Realität ist eben nicht so einfach. Prozesse und Veränderungen brauchen Zeit und häufig verstecken sich problematische Aussagen auch zwischen solchen, die eigentlich kein Problem darstellen. Auch, wenn sie mir persönlich vielleicht nicht gefallen. Andere Menschen haben schließlich andere Meinungen und andere Lebensrealitäten. Problematisch wird es, wenn diese Aussagen Anderen schaden, beleidigen, sehr kontrovers oder falsch sind. Zum Beispiel Vorurteile, problematische Stereotypen, Herabsetzungen, Pathologisierungen oder viele mehr. Solche Aussagen lassen sich nicht verhindern und sind manchmal eben Teil eines Meinungsbeitrags, da auch solche extrem Postionen die Meinung einer Person darstellen können, wie verwerflich ich persönlich das auch empfinden mag. Diese Meinung kann ich erst mal nicht beeinflussen.

Ein Beispiel dafür ist die Äußerung von Friedrich Merz, der Homosexualität bewusst in die Nähe von Kindesmissbrauch stellt. Eine Aussage, die vollkommen widerlegt und schlicht menschenfeindlich ist. Hier ist es ganz klar Aufgabe der Medien und des Mediums diese Aussage mit Kontext zu versehen, um klar werden zu lassen, dass diese Aussage nichts mit der Realität zu tun hat und durch Fakten widerlegt ist. So ist es bei vielen Themen, ob Rassismus, Klimawandel, Wirtschaft, Corona. Überall begegnen uns solche nicht haltbaren und gut widerlegten Aussagen und doch wird ihnen selten offen widersprochen, was sie leider in gewisser Weise legitimiert. Denn damit sind wir wieder am Anfang, die Medien und ihre Formate haben einen Vertrauensvorschuss, der hier negativ wirkt, denn es legitimiert eine Aussage, wenn ihr nicht widersprochen wird. Das mag übertrieben klingen, aber es gibt wenig was effektiver ist, als wenn ein eigenes Vorurteil Bestätigung findet.

Dabei muss man eine Aussage noch nicht einmal glauben, sondern nur oft genug hören, damit sie sich unterbewusst festsetzt. Es braucht also Quellen, Fakten, Zahlen und Kontext, es braucht eine Einordnung von Aussagen und das ist Aufgabe und Verantwortung des Journalismus. Denn niemand kennt sich mit jedem Thema perfekt aus, hat alle Zahlen und Fakten zu einem Themengebiet im Kopf, oder die Zeit Quellen zu recherchieren. Viel mehr gehen wir erst mal davon aus, dass das, was wir da hören, schon irgendwie stimmen wird und wenn es nur das sprichwörtliche Körnchen Wahrheit ist.

Es braucht also gute Recherchen und Quellenangaben. In Talk-Shows braucht es ein Team, das die moderierende Person schnell mit Fakten versorgt, damit diese widersprechen und einordnen kann. Aber es braucht auch den Willen diese wichtige Arbeit anzugehen. Das mag nicht schön sein, ist aber dringend nötig wenn ein Teil der Spieler mit gezinkten Karten spielt.