Leahs Gedanken

...sind hier und dort und überall...

Die Empörung weißer Männer

Zugegeben, der Titel provoziert, das ist gewollt. Wichtiger als das aber ist, er löst in dir ziemlich sicher Gefühle aus, vielleicht sogar negative, und um die geht es später. Zuerst aber einmal: Schön, dass du trotzdem hier hergefunden hast.

Ich kenne deine Gefühle nicht, aber ich kann dir sagen, dass sie in Ordnung sind. Ich werde sie hier nicht in Richtig oder Falsch, in Gut oder Böse einordnen. Stattdessen möchte ich dir einen anderen Blickwinkel und darüber vielleicht eine Erklärung für diese Gefühle anbieten. Ob sie deine Perspektive ändern oder nicht, bleibt ganz dir überlassen.

Lass uns ein Stück gemeinsam gehen.

Veränderung & Glaube

Die Welt verändert sich, das ist uns allen klar. Selbst in der relativ kurzen Zeit, die ich bisher mein Leben nenne, hat sich Unglaubliches getan. Was heute „normal“ ist, war vor 50 Jahren schwierig und vor etwas mehr als 100 Jahren undenkbar. Viele Dinge, die in unserem heutigen Weltbild völlig gewohnt sind, sind Errungenschaften der letzten Jahrzehnte. Insbesondere was die Rechte von Minderheiten angeht. Es ist noch nicht lange her, da war Homosexualität strafbar, Frauen hatten nichts zu melden und eine „Rassentrennung“ gab es auch noch. Wohl gemerkt, alles im damaligen Weltbild mehr oder weniger gut begründet.

Das mag erschreckend, vielleicht sogar rechtfertigend klingen, aber die Entscheidungen damals wurden nicht mit unserem heutigen Wissen, unserer heutigen Moral getroffen. Wir dürfen also nicht den Fehler machen und vergessen, dass wir immer die Kinder unserer Zeit sind. Es bedeutet aber auch, dass alles, was wir als selbstverständlich wahrnehmen, sich im Fluss und in einem stetigen Wandel befindet. Ob uns das persönlich gefällt oder nicht, ist relativ unbedeutend.

Treten wir noch einen Schritt zurück, zu den Grundfesten die unsere Welt scheinbar zusammenhalten, unseren Normen, der Moral und den Gesetzen. Unerschütterlich scheinen sie über uns zu wachen und unser gutes Zusammenleben zu garantieren. Dabei sind sie das Werk unserer Fantasie. Das Grundgesetz, die Verfassung, die Charta der Menschenrechte, nichts unterscheidet diese Texte von einer beliebigen Religion. Sie funktionieren nur, weil und solange wir an sie glauben und uns im Großen und Ganzen einig darüber sind, uns daranzuhalten. Nichts davon ist gegeben und nichts ist in Stein gemeißelt.

Es ist wichtig das zu erkennen, denn allzu oft gerät es in Vergessenheit. Wir haben uns schlicht daran gewöhnt und selbst das ist ein Privileg. Diese Erkenntnis bedeutet aber auch, dass wir jederzeit frei sind die Regeln anzupassen, ohne das die Welt zusammenbricht. Im Guten, wie auch im Schlechten. Es ist unsere Verantwortung was wir daraus machen.

Demokratie

Die Welt dreht sich also um einen Glauben, das tat sie schon immer, mal waren es Götter, dann Könige oder Kaiser und heute heißt unser Glaube Demokratie und Kapitalismus. Das ist nicht abwertend, ich halte die Demokratie für das aktuell vermutlich beste System, aber das heißt eben nicht, dass es unfehlbar oder gerecht ist.

Ein weiteres Problem, dieser Glaube drehte sich seit Jahrtausenden vorwiegend um Männer, besonders um weiße Männer. Zumindest haben diese die Geschichtsschreibung überlebt.

Umso mehr überrascht es mich immer wieder in Diskussionen, insbesondere mit Männern, in die Situation zu kommen, dass mit Demokratie, Freiheit, Zensur und Diktatur argumentiert wird. Das ist spannend, denn die Demokratie, wie wir sie kennen, schützt zwar in gewisser Weise Minderheiten, wird letztlich aber durch die Mehrheit bestimmt. Und weiße Männer gehören zu dieser Mehrheit. Dabei geht es nicht um die politische Ausrichtung, sondern viel grundsätzlicher um Repräsentation. Ein Blick in den Bundestag reicht.

Dadurch das weiße Männer in unserer Gesellschaft eine so außerordentlich privilegierte und gut repräsentierte Position vorfinden, sind sie die Norm, nicht nur in der Sprache. Und an diese Norm haben sie sich gewöhnt. Dabei haben sie viele Situationen, die andere alltäglich erleben, selbst nie erlebt. Ihre Existenz, ihr Würde, ihre Intelligenz, ihre Fähigkeiten, ihr Geschlecht oder ihre Menschlichkeit, alles das wird nicht in Zweifel gezogen. Für viele Menschen ist das aber die harte Realität.

Es ist daher schwierig zu verstehen, warum Kritik in einem Diskurs nicht immer gleich berechtigt ist, warum Menschen nicht bereit sind alles zu diskutieren. Es ist schwer erkenntlich warum ich sage: „darüber rede ich nicht, das diskutiere ich nicht“.

Aber wie soll ich zum Beispiel mit jemandem diskutieren, der der Meinung ist, dass so wie ich liebe falsch und verwerflich ist.

Wir, und das vergisst man aus der eigenen Situation auf einer der höchsten Stufen der Privilegien schnell, stehen bei einem solchen Gespräch eben nicht alle auf der gleichen Stufe, auch wenn es von da oben so aussieht. Denn eine weiße Person hat nichts zu verlieren wenn sie einer Person of Color ihre Rechte abspricht, dieser Mensch verliert in diesem Moment aber alles. Meinungen sind also keines Wegs immer gleichwertig und diskutabel.

In einem Diskurs von Demokratie zu sprechen bedeutet daher, sich zur Mehrheit zu zählen. Aus dieser machtvollen Position ist es fast unmöglich direkt nachzuvollziehen, warum Kritik an einer Aussage wichtig ist, auch fundamentale. Denn man hat es nie erlebt, dass der eigene Wert, die eigenen Rechte infrage gestellt wurden. Außer, ja außer der weiße Mann wurde kritisiert. Dann war die Empörung groß, denn man ist doch offen, möchte allen zuhören, und zu einem guten Ergebnis kommen. Das kann man aber nur aus einer Perspektive der Macht so sehen. Für Andere geht es dagegen um ihre Existenz und daran ist nichts mehr in Ordnung und eine Diskussion darüber ganz besonders nicht. Wie soll ich mit Menschen diskutieren, die mein selbst nicht bereit sind zu akzeptieren.

Es ist daher ganz selbstverständlich, dass Betroffene in einer solchen Situation nicht immer die perfekten Worte wählen. Aber sie haben diesen Kampf schon Hunderte, wenn nicht Tausende Male gekämpft. Es ist also mehr als vermessen Forderungen zu stellen. Denn es steht zu viel auf dem Spiel, während bei Anderen nicht mehr auf dem Spiel steht, als über ihren Schatten zu springen und darüber hinwegzusehen. Etwas, dass uns bei Menschen unserer eigenen Gruppe viel leichter fällt. Aber Betroffene von Diskriminierung schulden niemandem eine Erklärung, niemandem Sichtbarkeit und auch keine Geduld.

Sprache

Kommen wir noch mal auf deine Gefühle vom Anfang zurück. Vielleicht hast du dich von der Überschrift angegriffen gefühlt. Das würde mich nicht wundern, denn ich habe dich darin aufgrund von zwei gerade zu beliebigen Merkmalen mit einem negativen Begriff in Verbindung gebracht. Für keins der beiden Merkmale kannst du etwas und das macht einen Teil des unguten Gefühls aus. Du fühlst dich nicht gerecht behandelt.

Dieses Gefühl verstehe ich, sehr gut sogar, denn als queere Frau passiert mir das allein aufgrund dieser zwei Merkmale regelmäßig, ich muss nur in die Nachrichten oder auf Social Media schauen.

Es sind nur Worte und doch haben sie dich verletzt. Das liegt daran, dass Worte Macht besitzen, die Macht die Welt zu formen, denn wir nutzen sie, um unsere Ideen und Gedanken weiterzugeben. Unsere Sprache entscheidet wie wir die Welt wahrnehmen, wie wir bewerten und wie wir miteinander umgehen. Sie ist die Grenze zwischen unserer Welt und der der Anderen. So ist es kein Wunder, dass besonders die Sprache ein enorm umkämpftes Feld ist, in dem die hitzigsten Diskussionen entstehen.

Sprache ist die Frontlinie der gesellschaftlichen Entwicklung, die sich unmittelbar den Bedürfnissen der Menschen als Werkzeug unterordnet.

Kaum ein Tag vergeht, an dem sich kein Prominenter, kein Politiker, kein Medium über die komplizierte Sprache, die Sprachpolizei oder Redeverbote echauffiert. Warum? Weil sie ihre Machtposition die Welt zu definieren verlieren. Es macht die Welt komplizierter, denn plötzlich sind Dinge wie Geschlecht oder Liebe nicht mehr so eindeutig, wie sie mal waren. Es ist die Veränderung und neue Komplexität, ob im Großen oder Kleinen, die verunsichert, vielleicht sogar Angst macht.

Diese Veränderung bedeutet, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen zu müssen und vielleicht zu merken, dass man im Leben falsche Entscheidungen getroffen hat. Es bedeutet, die eigenen Gefühle zu ergründen und womöglich das eigene Verhalten zu verändern und Neues zu lernen. Zum Beispiel, mit Uneindeutigkeit umzugehen.

Kein Wunder daher, dass sich junge Menschen viel weniger schwer damit tun. Nicht nur ist ihr Leben selbst noch ständiger Veränderung unterworfen, sie tun sich auch schlicht leichter, eine neue Sprache zu lernen. Nicht zuletzt deshalb entstehen auch immer wieder Konfliktlinien zwischen Jung und Alt.

Eines der häufigsten Argumente gegen das Gendern ist die Verständlichkeit und dem möchte ich hier aufs Äußerste widersprechen. Wir haben in Deutschland Hunderte verschiedene Dialekte, viele, bei denen ich kein Wort verstehe, darüber beschwert sich auch niemand ernsthaft und trotzdem sehen es die gleichen Menschen hier als Tradition an. Dabei ist Lehrer:innen wohl kaum schwerer zu verstehen oder lesen als Herrgottsbescheißerle.

Beim aktuellen Standard, dem generischen Maskulinum, das zu Recht kritisiert wird, gibt es jedoch einen Effekt der zu wenig mitgedacht wird, die Gewöhnung. Viele Männer haben sich so sehr daran gewöhnt sprachlich bei wirklich allem mitgemeint zu sein, dass sie sich nicht nur ständig einmischen, sondern dass es sie auch ermüdet hat. Denn wenn man ständig implizit angesprochen wird, lernt man zu ignorieren. Umso schwerer fällt es hingegen, wenn man plötzlich, gefühlt ohne Vorwarnung, explizit angesprochen wird und dann auch noch kritisch.

Kaum ein Mittel bietet uns aber so viele Möglichkeiten unsere Gesellschaft gerechter und inklusiver zu gestalten wie unsere Sprache. Eigentlich müssten wir viel mehr darüber reden, aber eben anders. Denn es macht einen Unterschied, ob ein kleines Mädchen nur von Astronauten hört oder ob es eben doch Astronautinnen sind.

Der Konflikt ist, betrachtet man die Machtstrukturen, allerdings nur natürlich, denn Sprache ist die Frontlinie der gesellschaftlichen Entwicklung. Ohne Sprache fällt es uns schwer neue Ideen zu formulieren oder Alte zu hinterfragen. Somit ist sie nichts, dass bewahrt werden müsste, sondern etwas, dass sich unmittelbar den Bedürfnissen der Menschen als Werkzeug unterordnet. Und wie bei jedem neuen Werkzeug müssen wir uns erst daran gewöhnen, Erfahrungen damit sammeln und sicher darin werden. Selbstverständlich ist es zu Beginn ungewohnt, aber wenn man sich darauf einlässt, wird es mit der Zeit leichter und diese Aufgabe haben alle von uns schon viele tausend Male erfolgreich in unserem Leben vollbracht. Warum also nicht auch hier?

Was nun?

Ich möchte aber natürlich nicht nur kritisieren, sondern auch Chance aufzeigen. Denn so schlecht wie die Welt manchmal scheint, ist sie nicht. Es braucht nur ein wenig mehr mentale Flexibilität, um nicht sofort gegen die Grenzen des eigenen Weltbildes zu rennen.

Allein die Entwicklung der letzten Jahrzehnte, in denen sich viele Minderheiten das erste Mal wirklich vernetzen konnten, hat viel verändert. Plötzlich ist man nicht mehr allein, seltsam und anders. Man hat Gemeinschaft, ist stolz, lernt die eigene Diversität als etwas Wertvolles zu betrachten und an sich selbst zu glauben. Und viele Menschen unterstützen sie dabei. Vielleicht schaffst auch du das in Zukunft ein wenig mehr.

Natürlich ist es am Anfang schwierig, sich auf die Veränderungen einzustellen, aber niemand ist dir böse, solange du es versuchst. Fehler sind zutiefst menschlich und gehören zu einem Lernprozess dazu. Es sind dabei nicht nur die großen, sondern oft auch die kleineren Veränderungen, die uns abhängen, uns Angst machen und uns das Gefühl geben, die Kontrolle ob der neuen Komplexität zu verlieren. Wir sehnen uns gerade zu nach erholsamer Eindeutigkeit in einer Welt, die sich permanent verändert. Leider ist es vom Wunsch nach Eindeutigkeit nicht weit zu einfachen Antworten. Allerdings zahlt man für diese einfachen Antworten einen Preis, das Gehirn scheint zwar entlastet, aber es entgeht einem die wundervolle Diversität unserer Wirklichkeit.

Es geht also darum, Veränderungen zu akzeptieren und vielleicht sogar als etwas Gutes zu erkennen, auch wenn sie zuerst wie das Wegnehmen von Privilegien wirken. Und sind wir realistisch, es ist für einige ein Verlust von Privilegien. Es sind allerdings Privilegien, die sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte der Unterdrückung aufgebaut haben. Vielleicht ist es daher besser, nicht über Verlust, sondern über das positive Aufgeben und Teilen von Privilegien zu sprechen. Gibt es etwas Schöneres, als die Freiheit die man selbst erlebt mit anderen Menschen zu teilen? Wird die Welt dadurch wirklich ein schlechterer Ort für dich?

Allgemein sollten wir statt über Vorurteile viel mehr über Gefühle sprechen. Denn Gefühle sind okay, damit kann man umgehen. Das Handeln, das aus Gefühlen, die zu Vorurteilen werden folgt, ist es hingegen nicht. Also lass uns darüber reden, was dir tief im innersten Angst oder Sorgen macht. Denn auch dein Gegenüber hat vermutlich Ängste und Sorgen.

Vermeide die Falle zu denken, dass es damit getan ist, dass du alle Menschen für gleich hältst. Denn hier fängt das Problem an, kann der Maßstab für die Gleichheit doch nur von deiner Perspektive aus gehen. Natürlich geht es um gleiche Rechte und gleich Würde. Es ist jedoch wichtig zu erkennen, dass wir unterschiedlich sind, aber durch diese Unterschiede nicht mehr oder weniger viel Wert. Viel mehr liegt der Kern darin, genau in dieser Vielfalt den wahren Wert für unsere Welt zu entdecken. Dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, um zu merken, dass Gerechtigkeit auch bedeutet, auf diese Unterschiede einzugehen.

Werde dir daher deiner Position bewusst und gehe den ersten Schritt. Es ist auch deine Verantwortung für andere Menschen einzustehen, ohne den Raum für dich zu nutzen. Wenn möglich, höre Betroffenen zu und teile ihre Erfahrungen und Perspektiven. Versuche deine Reichweite dafür zu nutzen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Wenn das nicht funktioniert, zum Beispiel in privaten Gesprächen, dann zeige dich solidarisch und widerspreche gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit klar und deutlich. Auch wenn es bequemer sein mag eine solche Aussage einfach zu ignorieren, stell dir vor, was dein Handeln bewirkt, wenn eine Betroffene zuhören würde, denn du weißt nie, ob es nicht vielleicht so ist.

Wenn du es bis hier geschafft hast: Danke, dass du mich ein Stück begleitet hast!

Ich hoffe, die vielleicht negativen Gefühle vom Anfang haben sich teilweise aufgelöst und sind einer Nachdenklichkeit gewichen.

Falls du jetzt allerdings sauer auf mich bist und mir gleich einen wütenden Kommentar schicken möchtest. Entspann dich und hol dir nen Tee. Es geht nicht um dich, es geht um uns alle! Es geht um gleiche Rechte, gleiche Würde aber nicht ums gleich sein. Am Ende hast auch du was davon.

Falls du dich allerdings so richtig angefressen fühlst, mir mal richtig deine Meinung sagen willst: Spare es dir, ich bin ein hoffnungsloser Fall. Außerdem trete ich hier nur mal nach oben, statt wie für viele gewohnt nach unten. Das heißt, ob weißer Mann oder nicht, auch alle Anderen können hier was lernen.


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