Leahs Gedanken

Lass uns ein Stück gemeinsam gehen

Der Sinn des Lebens

Ich bin gerade krank, das bedeutet für mich, ich verbringe Zeit mit mir, meinen Gedanken und einem Buch. Das Buch, das ich gerade lese, heißt 4000 Wochen, ist kurzweilig geschrieben, viel wusste ich aber auch schon bzw. es deckt sich mit meiner Meinung. Darum soll es hier aber nicht gehen. Gegen Ende des Buchs gibt es ein hervorragendes Kapitel unter dem Titel „Die »Dem-Kosmos-ist’s-egal-Therapie«“, das einen Gedanken bei mir entfacht hat.

In dem Kapitel geht es darum, dass wir, wenn wir davon ausgehen, dass es in jeder Generation einige wenige Menschen gab, die hundert Jahre alt geworden sind, nur ca. 70 Generationen von der Neolithischen Revolution entfernt leben. Das Römische Reich ist vor etwa 13 dieser Generationen zerfallen. Die industrielle Revolution ist nur etwa drei Generationen alt. Den Menschen gibt es seit ca. 3000 dieser Generationen, und das alles ist nicht mal ein Wimpernschlag in den zeitlichen Dimensionen der Geologie oder gar des Universums.

Aus dieser Perspektive hat sich die menschliche Geschichte nicht in der Geschwindigkeit eines Gletschers entfaltet, sondern erinnert eher an das Blinzeln eines Auges. Woraus natürlich folgt, dass das eigene Leben in diesem größeren Zusammenhang nicht mehr gewesen sein wird als das kurze Aufflackern von etwas, das fast nichts ist. […] von dem aus sich in beide Richtungen unfassbare Zeitspannen dehnen. [Oliver Burkeman in 4000 Wochen, Seite 238]

Zusammenfassend lässt sich sagen: Wir nehmen uns oft zu wichtig und dem Universum sind wir gänzlich egal. Mag deprimierend klingen, und das ist es vielleicht auch. Aber es kann, wie in dem Buch erwähnt, auch sehr erlösend sein. Und da kommen wir zum Punkt. Wenn wir so unbedeutend sind, was ist dann der Sinn des Lebens? Eine Frage, die wir Menschen uns schon ewig stellen. Und ich glaube, an diesem Punkt muss ich zwei Dinge zuerst unterscheiden. Der Sinn des Lebens an sich, also der Sinn für das Leben als solches und der Sinn im Leben eines Menschen.

Auf Ersteres habe ich keine einfache Antwort. Ich glaube, die bestmögliche Antwort darauf ist „sein“. Leben ist einfach, Sinn darin würde eine höhere Absicht unterstellen, und auch wenn ich keine Atheistin bin, so bin ich doch überzeugt, dass Sinn hier eine viel zu menschliche Perspektive ist. Das Leben als solches ist vielleicht nur eine Spielart des Chaos.

Was ich dagegen spannender finde, ist die Frage: Was ist der Sinn des Lebens für einen Menschen, also präziser der Sinn im Leben eines Menschen? Und auch hier müssen wir erst einen Schritt zurücktreten. Wir sind ein Teil des Lebens als Ganzes. Daher gilt für uns zunächst das Gleiche wie für jedes andere Lebewesen: „Sein“ ist der Sinn und alles Weitere würde Absicht unterstellen. Jetzt ist das natürlich eine eher unbefriedigende Antwort, sein um des Seins willen.

Wenn wir uns die Frage jetzt aber nicht auf der makroskopischen Ebene anschauen, sondern philosophisch überlegen, was der Sinn für ein Individuum sein kann, dann ist die naheliegende Antwort: Das ist individuell. Mein Sinn im Leben mag ein anderer sein, als deiner. Aber das ist wiederum eine sehr individualistische Perspektive, die ich hier nicht einnehmen möchte. Meine Antwort auf die Frage, was der Sinn des Lebens ist, so wie wir sie uns üblicherweise stellen, ist daher „Wachstum“ – genau genommen persönliches Wachstum.

Um jetzt alle Kapitalisten unglücklich zu machen: Das hat nichts mit wirtschaftlichem Wachstum oder Besitz zu tun. Und an die Life-Coaches da draußen: Das, was ihr den Leuten verkauft, meine ich auch nicht. Es geht dabei nicht darum, ein besserer Mensch im kapitalistischen Sinne zu sein. Mein Maßstab für Wachstum ist es, gut zu sein.

Ich glaube, der Sinn des Lebens ist es, am Leben selbst zu wachsen. Sich selbst und die eigenen Annahmen zu hinterfragen, für andere über sich selbst hinauszuwachsen. Selbst Liebe ist Wachstum, bei dem wir gemeinsam mit anderen Menschen aneinander und miteinander wachsen. Das Wachstum ist zwar individuell, synchronisiert sich allerdings mit dem Wachstum anderer.

Wachstum in diesem Sinne hat dabei kein klares Ziel, es ist nie abgeschlossen. Es ist gewissermaßen die Unendlichkeit als Komplementär zu unserer eigenen Bedeutungslosigkeit. Im Idealfall ist dieses Wachstum etwas, das wir zwar nicht als Ganzes weitergeben können, aber in einigen Fällen, die vielleicht aufgrund unserer Zahl gar nicht so selten sind, können wir einen Funken unseres Wachstums an andere weitergeben.

Und das ist keine egoistische Perspektive. Denn zum Wachstum gehört es, zu erkennen, dass man nicht alleine auf diesem Planeten ist. Dass Menschen nach uns kommen und es daher nicht egal ist, was wir tun. Es ist aber auch entspannend, denn das Wachstum beurteilt nicht. Aus Fehlschlägen kann manchmal mehr Wachstum entstehen als aus Erfolgen. Und wenn es nur um unser Wachstum geht, ist es auch egal, was andere davon halten. Es ist egal, ob wir uns in der Geschichte verewigen (die ohnehin relativ egal ist, kosmisch gesprochen), ob durch Macht oder durch Aufopferung. Genauso durch Erfindungen, große Kunstwerke und so weiter. Es ist egal, solange du daran wächst.

Und ist das nicht schön? Der Sinn des Lebens als etwas, das man nicht falsch machen kann. Egal, wer du bist, was du hast und was uns unterscheidet, es ist immer möglich, zu wachsen.

Natürlich kann man sein Leben lang auch nicht wachsen und damit sehr erfolgreich werden, aber das sind meistens sehr unangenehme Zeitgenossen, denen etwas im Leben fehlt, und in der Suche nach diesem Etwas verbrennen sie die Welt. Vor diesen Menschen und ihren Ideen solltest du dich in Acht nehmen.

Wenn du also „nur“ versuchst zu wachsen, so langsam es auch sein mag. Du lebst ein Leben mit Sinn.